Bericht vom Besuch im Flüchtlingscamp der Yeziden bei Diyarbakir

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Erster Bericht von Monika Gärtner-Engel aus aktuellem Anlass zur Auseinandersetzung um die Bombardierung der angeblich terroristischen PKK durch die türkische Regierung:

Kurzer Bericht vom Besuch im Flüchtlingscamp der Yeziden bei Diyarbakir DSCF5020

Nach dem Ende der Kontinentalkonferenz Mittlerer Osten Ende September sind wir – für uns überraschend – mit den Teilnehmerinnen der Konferenz zu einem Flüchtlingscamp in der Nähe von Diyarbakir in der Gemeinde Yenisehir gefahren, in dem Yeziden aus Sengal leben. Als wir ankamen, war es schon dunkel und im Camp war auf einem Platz ein großer Kreis aus Stühlen aufgebaut. Das Camp machte einen aufgeräumten Eindruck. In  mehreren Reihen stehen gleich aussehende  halbrunde weiße Zelte. Viele Flüchtlinge – Männer, Frauen und Kinder – standen auf dem Platz  oder vor ihren Zelten und beobachteten interessiert unseren Besuch. Sie ließen sich fotografieren und gewährten uns auch einen Blick in ihre Zelte. Junge Männer  sprachen  in gebrochenem Englisch mit uns.

Yüksel Acer, eine der verantwortlichen Frauen des Camps gab uns einige Informationen über das Camp. Dort leben mehrere Tausend Yeziden in 4.500 Zelten (pro Familie ein Zelt).
Das Camp wurde von der Yenisehir Gemeinde nahe Diyarbakir eingerichtet. Die türkische Regierung gibt keine Hilfe. Die Flüchtlinge kommen aus Sengal in Südkurdistan/Irak. Sie mussten  auf ihrer Flucht sieben Tage ohne Essen und Trinken auskommen.

Im Camp leben 2.050 Frauen, davon 826 unter 25 Jahren und 805 Jungen unter 18 Jahren. (Zahlen nicht vollständig) Es fehlen noch Zelte für 1.200 Flüchtlinge. Eine Küche im Camp stellt dreimal am Tag Essen bereit. Es gibt eine Wäscherei und einen kleinen Laden für die Flüchtlinge, außerdem ein Frauen-Zelt, in dem ihre besonderen Probleme und Fragen behandelt werden können. Viele Freiwillige organisieren Aktivitäten, Sport und Spiele für Kinder. Es gibt eine Gesundheitsstation für Erste Hilfe, darüber.hinaus müssen die Flüchtlinge in den Krankenhäusern der Stadt behandelt werden.

Im Gespräch mit Birsen Kaya Akad, Bezirksbürgermeisterin in Baglar/Diyarbakir und Meral Cicek erfahren wir noch mehr.

Frau Kaya Akad berichtet, dass – im Gegensatz zur Medienberichterstattung in Deutschland – die Menschen vor Beginn der amerikanischen Luftangriffen geflüchtet sind. Der IS hat große Angst erzeugt, so dass viele Menschen aufgrund der Propaganda, in Panik ihre Häuser verlassen haben und geflüchtet sind.

Die kurdischen, v.a. yezidischen Frauen sind von den IS Leuten zu „Helal“ (Freiwild) erklärt worden. Wenn z.B. einer die Hand auf die Stirn einer kurdischen Frau legt, gehört sie ihm. Viele Menschen haben Angst davor gehabt, dass die Töchter in die Hände des IS geraten, dass sie vergewaltigt oder als Sexsklavinnen missbraucht werden. Diese Angst hat viele Menschen zur Flucht getrieben, schon bevor der Islamische Staat in ihr Dorf eingedrungen war.

Sie berichtet, die kurdischen Pershmerga-Soldaten haben den Yeziden nicht geholfen. Sie haben sie nicht verteidigt, sondern sie einfach zurückgelassen und sind selbst abgehauen. Die Menschen danken der PKK, die ihnen die Flucht ermöglicht und sie geschützt hat. Die Menschen im Camp sind alles Dörfler, die von der PKK verteidigt wurden. Sie hat mit ihrem Korridor Rückhalt geboten, so dass die Menschen über Dohuk (Irak) nach Uludele an der türkischen Grenze flüchten konnten.

Viele haben das Ziel, nach Europa zu gehen, weil sie davon überzeugt sind, dass der IS einen Genozid gegen das yezidische Volk durchführen wird.

Frau Kaya Akad bestätigt auch, dass die Stadtverwaltung keine Hilfe vom Ausland oder der türkischen Regierung für das Camp bekommt. Die südkurdische Regierung (Nordirak) habe 80 Millionen Dollar humanitäre Hilfsgelder erhalten, auch von Deutschland, die bei den Menschen nicht ankommen. Die Flüchtlinge im Irak leben auf der Straße, auf Baustellen oder unter Brücken. Die Regierung, die den Menschen nicht hilft, kriegt das Geld.

Jetzt kommt der Winter und die Mittel der Stadtverwaltung reichen nicht aus. Die Stadtverwaltung von Diyarbakir bekommt kaum Geld vom türkischen Staat, weil sie Kurden sind. Im Gegenteil – die Stadtverwaltung ist noch aus früheren Zeiten verschuldet und muss die Kosten jetzt fast allein tragen.

Meral Cicek ergänzt, man müsse in Europa eine Öffentlichkeit schaffen, die hinterfragt, wo die Hilfsgelder geblieben sind, die in den Nordirak geschickt wurden. Es seien zwei bis drei repräsentative Flüchtlingslager aufgebaut worden, in denen nicht mal zehn Prozent der Flüchtlinge leben. Die türkische Regierung habe einen kleinen Geldbetrag an die Flüchtlinge ausgezahlt und gleichzeitig den Benzinpreis verdoppelt mit dem Argument, die Regierung hätte hohe Kosten wegen der Flüchtlinge. Einerseits haben sie also einen großen Teil der Hilfsgelder selbst eingesteckt und andererseits noch über die Benzinpreise Geld eingenommen.

Frau Kaya Akad richtet einen Aufruf an die Frauen der Welt, dass sie die Frauen und Mädchen verteidigen, ihre Stimme erheben und Solidarität entwickeln mit den Frauen hier. Die Revolution in Rojava muss unterstützt werden, weil dort Frauen an vorderster Front kämpfen gegen Faschismus und gegen eine nicht zeitgemäße Geisteshaltung. Sie ruft gleichzeitig die Menschen dazu auf, direkt an die kurdischen Stadtverwaltungen zu spenden, die mit eigenen Mitteln versuchen, die Flüchtlingslager zu unterhalten.

Sana Shalaldah aus Palästina und Amalia Spartak aus Afghanistan kamen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Flucht und Leben in solchen Lagern die Tränen, als wir in das Flüchtlingscamp kamen. Sana richtete einen kurzen, bewegenden Beitrag an die yezidischen Flüchtlinge:

„Als 1948 Palästina von Israel übernommen wurde, sind viele Palästinenser geflüchtet. Sie mussten mitten in der Wüste ihr Leben von neuem aufbauen. Sie haben versucht, sich aus Ästen oder Blättern Betten oder Decken zu bauen, um dort zu leben. Unser Volk führt seinen Kampf fort für Freiheit, für Gerechtigkeit. Dieser Kampf wird sehr stark unterstützt von der Weltöffentlichkeit und er wird weitergeführt, bis Israel besiegt wird und unser Volk seine Freiheit erneut wiederfinden wird. Das wird auf der ganzen Welt so sein, dass alle unterdrückten Völker ihre Freiheit finden. Das Wichtigste ist, dass wir unseren Glauben an Freiheit nicht verlieren und dass wir immer weiter für Freiheit kämpfen. Die herrschenden Kräfte und das System bereiten die Menschen immer darauf vor, sich zu ergeben. Es ist wichtig, dass man sich nicht ergibt, dass man weiter kämpft und den Glauben nicht verliert. Dann werden wir sicherlich eines Tages eine Lösung für unsere Probleme finden.“

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