Aufruf zum 25. 11. 2015 – Internationaler Tag gegen Gewalt

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Europäische KoordinatorinnenLogo Weltfrauenkonferenz 2016 der Weltfrauenkonferenz der BasisfrauenMaria Hagberg (Stellvertreterin),
Monika Gaertner-Engel,
Halinka Augustin, Angélica Urrutia (Stellvertreterin),
10. November 2015

Aufruf zum 25. November 2015 – internationaler Kampf- und Aktionstag im Weltfrauenkonferenz-Prozess

Wir haben derzeit die größte Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. 60 Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Unterdrückung, Gewalt und Krieg. Das weltweite Patriarchat zeigt sein hässliches Gesicht auf grausamste Weise – im ungezügelten Kapitalismus, im Militarismus, in politischen und religiösem Rassismus und Faschismus sowie in Menschenhandel und Sklaverei.

Als Frauen aus den Balkanländern über den dortigen Konflikt in den 1990ern als Zeuginnen im Europäischen Parlament sprachen, berichteten sie von Vergewaltigungen und anderem sexuellem Missbrauch im Krieg sowie von Frauenhandel im Zuge des Kriegs und in der Zeit nach dem Konflikt. Sie berichteten außerdem davon, wie Soldaten sexuelle Gewalt gegen Frauen einsetzten, die aus festgefügten religiösen oder traditionellen Gesellschaften kamen. Nachdem die Frauen vergewaltigt worden waren, wurden sie nicht  nur von ihren Feinden, sondern auch von ihren eigenen Familien bedroht, da sie für die Vergewaltigung verantwortlich gemacht wurden. Viele der Frauen sind darum geflohen und haben manchmal als Ergebnis der Vergewaltung Kinder geboren. Sie haben diese Kinder aber später abgegeben und im weiteren Verlauf Selbstmord begangen oder sind Opfer von Frauenhandel und Zwangsprostitution geworden.

Zur Zeit sehen wir das gleiche Muster in Syrien, im Irak, in Nigeria, dem Kongo und dem Sudan sowie vielen weiteren von Konflikten erschütterten Ländern.

Während Gewalt gegen Frauen als Frauenfrage betrachtet wird, gilt Gewalt an Männern als gesellschaftliches Thema! Dies trifft natürlich auch auf Gewalt in Kriegen zu. Wir müssen über Femizid, über Frauenmord sprechen. Eines der Hauptziele im Krieg ist es, den Feind zu vernichten, indem die weibliche Bevölkerung durch sexuelle Übergriffe und Verbrechen erniedrigt wird. Die Parallelen zwischen Fällen von individueller Gewalt und solchen im Krieg und unter Besatzung sind unzweifelhaft.

Im Irak sehen wir sehr deutlich wie die Lage nach dem Krieg aussieht. Es ist offensichtlich, dass Frauen im Friedens- und Wiederaufbauprozess fehlen. Als sich die friedliche Lage in Irak-Kurdistan und anderen Teilen des Irak stabilisierte, eskalierte der Krieg gegen die Frauen. In den letzten Jahren sind die Zahlen von Gewalt an Frauen enorm gestiegen. Nach Ansicht der Frauenorganisationen im Irak hängt diese Gewalt immer mit der sogenannten „Ehre“ zusammen und der Frauenhandel nimmt ebenfalls zu. Dies ist auch eine deutliche Parallele zur Situation nach dem Balkan-Krieg.

Im Zuge des Krieges ist die Gesellschaft korrupt geworden und die Infrastruktur ist zusammen gebrochen. ABER das hat genau wie die Gewalt an Frauen keine Priorität für die Regierungen.

Jetzt haben wir in Syrien die gleiche Situation und die Mädchen und Frauen sind Opfer von doppelter Unterdrückung. Sie stecken in Flüchtlingslagern fest, ohne die Möglichkeit zu fliehen und so werden sie Opfer von Zwangsehen, oft schon im Kindesalter, oder von Frauenhandel und sexueller Ausbeutung. Wenn sie nach Europa entfliehen, werden sie zu verletzlichen Zielen der gleichen Bedrohungen. Frauen sind verdammt, ob sie handeln, oder nicht, aber sie kämpfen und verteidigen sich.

Im Irak übernehmen NGOs die Verantwortung für den Friedens-Aufbau, während die Erdöleinnahmen in Korruption und Verbrechen fließen.

Die Regierung wurde von der Besatzungsmacht USA zusammengestellt und besteht aus einer Gruppe verschiedener Religionsgemeinschaften, die mit der Unterdrückung der Frauen fortfahren. Die Frauen sind in der Regierung stark unter-repräsentiert und starke und kritische Frauen werden schikaniert und getötet. Eine kommunistische Frauenaktivistin wurde in ihrem eigenen Haus geköpft. Andere Frauen werden auf offener Straße abgeschlachtet, wenn sie arbeiten gehen oder nicht verschleiert sind – unabhängig von ihrem Glauben. Allein ein Gerücht, das deine Ehre als Frau in Frage stellt, reicht aus, um geschlagen, schikaniert, gefoltert oder gar getötet zu werden. Das Ergebnis der US-Besetzung im Irak ist der IS. Der Terror gegenüber Frauen, besonders der Minderheiten, steigt an.

In der Türkei herrscht noch immer Krieg zwischen kurdischen und türkischen Kräften. In den ländlichen Gebieten wird Gewalt im Zusammenhang mit der Frage der Ehre von der türkischen Militär-Polizei benutzt, um die kurdischen Frauen zu verfolgen und das kurdische Volk zu demoralisieren.  Viele junge Frauen verlassen ihre Heimat und fliehen in die Städte, wenn sie von der Militär-Polizei der Türkei „verführt“ oder vergewaltigt wurden. Der kürzlich verübte Terroranschlag in Ankara war ein direkter Angriff gegen die Kurden und andere Minderheiten in der Türkei.

In Europa gibt es eine zunehmende faschistische und rassistische Bewegung, auch in der Politik. Doch zur gleichen Zeit gibt es eine weitaus stärkere Bewegung der internationalen Solidarität und Willkommenskultur für Flüchtlinge. Es ist leicht zu durchschauen, dass die faschistische Propaganda überall ähnlich in Erscheinung tritt. Sie ist frauenfeindlich, homophob und rassistisch. Unter den Asylsuchenden sind Frauen unter-repräsentiert, in vielen Ländern sind es 4/5 Männer und nur 1/5 Frauen. Dies bedeutet, dass die Mehrheit der Frauen in den Kriegsgebieten bleibt. Wenn Frauen Asyl beantragen, werden frauenspezifische Gründe wie sexuelle Gewalt ignoriert und verschleiert. Die Gründe der Frauen werden fast immer in Bezug zu einem Mann gesetzt.

Was hat dies mit der UN-Resolution 1325 zur Einbindung von Frauen in den Friedensprozess zu tun?

Durch die tapferen Soldatinnen in Kobanê und Rojava haben wir gesehen, welche Wirkung Frauen als bewaffnete Kriegerinnen haben können. Werden nur bewaffnete Frauen als gleich respektiert? Oder? Auch in anderen Kriegen, einschließlich des Guerillakampfes gibt es die gleichen Erfahrungen.

Zweifellos gibt es einen Mangel an Frauen-/frauenrechtlerischem Einfluss wenn es darum geht, Entscheidungen – vor, während oder danach – über Krieg zu treffen, genauso wie im Nachkriegs-Friedensprozess. Nur wenn die Frauen am bewaffneten Kampf teilnehmen oder eine starke, organisierte Kraft werden, ist es anders.

Es ist offensichtlich, dass bewaffnete Kämpferinnen eine große Wirkung in der Verteidigung gegen Unterdrückung von Staaten und gegen Neo-Kolonialismus haben. Die mutigen Soldatinnen von Rojava und Kobanê haben bewiesen, dass der Einsatz der Frau in der Verteidigung und im Kampf für Freiheit, Demokratie und Frauenrechte von großer Bedeutung ist. Ihnen ist es zu danken, dass sie und wir jetzt in der Lage sind, beim den Wiederaufbau aus Ruinen zu helfen. Einige der Frauen haben als Soldatinnen haben ihr Leben geopfert, aber sie haben einer neuen Generation gezeigt, dass ein Widerstand und Sieg möglich sind.

Wir wollen mit unserem Aufruf zum 25. November 2015 alle mutigen Frauen ehren, die ihr Leben geopfert haben – entweder als Opfer von Krieg oder als Soldatinnen im Kampf für ihre Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie.

Die 2. Weltfrauenkonferenz findet vom 13.-18. März 2016, in Kathmandu, Nepal, statt.

www.worldwomensconference.org

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