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Polens Frauen für legale Abtreibung

Diese Zuschrift schickte uns eine polnische Mitstreiterin. Sie lebt und arbeitet in Hamburg, ist im Frauenverband Courage und war für Polen auf der Weltfrauenkonferenz 2016 in Kathmandu/Nepal. Sie ist auch aktive verdi-Kollegin.

Liebe Nina,
Liebe Weltfrauen…

Es ist eine sehr angespannte Situation momentan in Polen.. es finden Land auf, Land ab Demostrationen statt – Frauenstreik – Strajk Kobiet..

…Am Freitag den 30.10.2020 waren laut Schätzungen etwa 800000 Menschen auf der Strasse ..davon etwa 100000 alleine in Warschau…
Das waren seit 1989 die grössten Proteste überhaupt !!!
Neu ist, dass auch in kleinen Ortschaften protestiert wird, obwohl das mehr Mut erfordert, weil Jeder Jeden kennt – es bedeutet mehr Mut dort teil zu nehmen, als in der grossen Städten wo die Anonymität vermeintlich mehr Schutz bedeutet. Und das alles in jetztigen Pandemie-Zeit, das zeigt die Wut und das Unverständnis über die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes.
Es sind besonders viele junge Leute dabei die auch, wie die anderen Demonstranten, das Recht für die freie Wahl haben möchten, unabhänging davon, ob man für oder gegen die Abtreibung sei…

Die Situation ist komplex da es nicht nur um die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes geht..es geht um die Art wie es gemacht worden ist, wie es entschieden worden ist von den Regierenden. Es geht auch um die Kirche und deren Rolle in der polnischen Gesellschaft..

Erklärung der Europakoordinatorinnen zum Save Abortion Day am 28.09.20

Abtreibungen müssen Gesundheitsleistungen sein und für die breiten Massen leicht erreichbar, legal, sicher und kostenlos sein.

Der 28. September ist der Internationale Tag der sicheren Abtreibung. Er wurde 1990 zum ersten Mal vom Campaña 28 Septiembre als Aktionstag zur Entkriminalisierung der Abtreibung in Lateinamerika und der Karibik durchgeführt. 2011 wurde der 28. September zum Internationalen Tag erklärt[1]. Das Datum wurde in Anlehnung an das am 28.9.1871 in Brasilien verabschiedete „Gesetz über die freie Geburt” gewählt, das den Kindern von Sklaven in Brasilien die Freiheit gewähren sollte.
Brasilien 2020: Frauen und Mädchen erleben unter Präsident Bolsonaro und dem Einfluss der katholischen Kirche die Wiedergeburt des Mittelalters – jede 15 min wird ein Kind unter 13 Jahren vergewaltigt aber eine legale, sichere Abtreibung ist fast unmöglich. Dafür werden Waisenkinder auf dem Laufsteg[2] zum „vermittteln“ angeboten!
Weltweit erleben wir einen Trend zu ultrareaktionären und faschistoiden Regierungen, Abbau demokratischer Rechte und Freiheiten u. a. dem Recht auf selbstbestimmte Schwangerschaft.
Weltweit erwachte das Frauenbewusstsein im Kampf gegen die Rechtsentwicklung. Ihr Schrei nach selbstbestimmter Schwangerschaft ist ein Aufbruch gegen patriarchale Strukturen. Die Kontrolle der Sexualität und Fortpflanzung ist Bestandteil der besonderen Unterdrückung der Frau im Kapitalismus. Sie dient der Aufrechterhaltung des Systems. Gepaart mit patriarchalisch-reaktionären Einfluss der Kirche werden Gesetzesverschärfungen durchgesetzt.
Sie heucheln vom „Schutz des ungeborenen Lebens“ und treten bestehendes Leben mit Füßen:
Polens Rechte: „Abtreibung ist eine Pandemie, viel schlimmer als das Coronavirus“[3].
Präsident Trump, USA ist für „Abtreibungsmord“-Paragraphen und lässt bei inhaftierten Einwandererinnen eine Hysterektomie vornehmen![4]
Präsident Erdogan/ Türkei setzt seine Armee gezielt für Vergewaltigung als Kriegswaffe gegen kurdische Frauen und Freiheitskämpferinnen ein.
In Deutschland dürfen sogenannte Lebensschützer Ärztinnen und Ärzte auf der Grundlage eines Paragrafen aus dem Faschismus kriminalisieren.
Dagegen verabschiedete vor 100 Jahren 1920 die ehemalige Sowjetunion ein Sexualstrafrecht mit Straffreiheit für Abtreibungen! Das zeigt, dass der Kampf um selbstbestimmte Schwangerschaft als Bestandteil des Kampfs um die Befreiung der Frau geführt werden muss! Das erfordert auch, den Blick über das herrschende Gesellschaftssystem hinaus zu heben.
Unsere Visionen reichen weit – wie wird die Befreiung der Frau Wirklichkeit?!
Wir rufen euch zu, werdet Akteurinnen der Zukunft, kommt mit zur

3. Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen 2021 nach Tunesien/Tunis!

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[1]  Globales Netzwerk für Frauenrechte für reproduktive Rechte (WGNRR)
[2] Brigitte 27.05.2019
[3] “Stiftung Lebem und Familie”, polnische Organisation, Katja Godek, Mitinitiatorin Gesetzesentwurf
[4] Women’s March 16.09.2020